Im Spätsommer 1943 lernten sich Walter und Nadja in Reval, heute Tallinn, kennen. Es war für beide der Coup de foudre, Liebe auf den ersten Blick. Walter war mit seiner Pioniereinheit an der Belagerung Leningrads beteiligt, Nadja arbeitete an der deutschen Kommandantur. Viele Esten sahen in den Deutschen Verbündete gegen die Sowjets und empfanden diese Arbeit in keiner Weise als Kollaboration.
In den folgenden 1 1/2 Jahren, bis zum Kriegsende, waren die beiden meist getrennt, und sie begannen einen äußerst intensiven Briefwechsel mit dem erklärten Ziel, alles über einander zu erfahren und alles von sich zu erzählen. Sie entwarfen ihr Lebenskonzept, diskutierten über die Art und Weise, wie sie ihre zukünftigen Kinder erziehen wollten, philosophierten und nahmen eindeutig Stellung zu politischen Fragen. Politisch lagen sie auf derselben Ebene: sie konnten sich kaum vorstellen, dass Deutschland den Krieg verlieren könnte.
Zwei Themen ziehen sich durch den gesamten Briefwechsel: zum einen bereitete ihnen die angestrebte Einbürgerung Nadjas große Sorgen, da sie keinen für die damaligen Verhältnisse akzeptablen Ariernachweis vorlegen konnte, zum anderen verzehrte beide der Wunsch nach einem Kind.
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